Vor 100 Jahren: Gewalt und Aufruhr in Rodenberg, Teil 2/2

Am 4. September 1921 war in unserem Städtchen der Teufel los. Statt Kriegerfest-Umzug und Demonstration gegen die Teuerung herrschten Unruhen und Gewalt. 5000 auswärtige Marschierer hatten die Veranstaltung zu einem „Anti-Sedan-Tag“ gemacht. Örtliche Aufrührer führten Kaufleute, Handwerker und Landwirte mit „Wucherer-Schildern“ durch die Lange Straße.Zum symbolische Höhepunkt wurde diese Szene: Ein jugendlicher Arbeiter aus Rodenberg holte die Fahne, die Gewehre und anderes Eigentum des Kriegervereins aus dem Ratskeller und zerstörte sie. Die Fahne wurde draußen verbrannt. Auf der Straße hielt ein auswärtiger Anführer eine ,,aufreizende Rede“, wie es in einem Bericht heißt. Der Zug löste sich schließlich auf dem Schützenplatz auf. Wie, das ist nicht genau nachvollziehbar.

Rodenberger Zeitung vom 27.05.1922. Für den ganzen Text klick auf Bild

Der Regierungspräsident verlegte hinterher eine Hundertschaft Schutzpolizei nach Groß Nenndorf und ließ „mit Motorrädern und Automobilen einen scharfen Patrouillendienst ausüben“.

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Die Katen der kleinen Leute …

Im alten Dorf Grove gab es neben den stattlichen, reich geschmückten Häusern der Bauern auch die Katen der kleinen Leute. Zu erkennen an ihren niedrigen Seitenwänden und oft zahlreichen Umbauten.

Eine der letzten Katen stand am Kirchdamm – knapp nördlich von der Mündung der Ackersbeeke in die Steinaue. Sie war bis zuletzt bewohnt. Die damalige Wohnsituation würde man heute als „prekär“ bezeichnen, denn der Zahn der Zeit nagte an Dach und Fassade.

Um das Jahr 2002 muss es gewesen sein – da wurde das letzte Zeugnis der kleinen Leute in Grove abgerissen.

Vor 100 Jahren: Gewalt und Aufruhr in Rodenberg, Teil 1/2

Ein weniger bekanntes Kapitel der jüngeren Geschichte Rodenbergs dürften die Vorkommnisse am 04. Sept. 1921 sein. Vor 100 Jahren war in unserem Städtchen der Teufel los. Statt Kriegerfest-Umzug und Demonstration gegen die Teuerung herrschten Unruhen und Gewalt. Mehr als 5000 auswärtige Demonstranten marschierten auf Rodenberg zu.
Die Demonstration lief im Verlauf des Tages völlig aus dem Ruder.

Appell des Landrats an die Bevölkerung. Für den ganzen Text klick auf Bild (Rodenberger Zeitung vom 10.09.1921)

Hardy Krampertz streifte 1990 in seiner ,,Chronik III“ auf Seite 157 das Geschehen, schrieb dazu: ,„Eine Bewertung der Ereignisse kann im Rahmen dieser Ortsgeschichte nicht erfolgen. Es handelt sich hier nicht nur um eine ortsbezogene Auseinandersetzung`, sondern im ganzen hannoverschen Umfeld kam es zu ähnlichen Aktionen.“

Was Rodenberg und seine Umgebung damals erschütterte, soll auch hier nicht historisch aufgearbeitet und bewertet werden. Aber nachdem die Beteiligten verstorben sind, kann die Geschichte jetzt wohl in knapper Form erzählt werden. Einige Mühe macht dabei, dass die Quellen (Pressemeldungen, Stellungnahmen, Prozessberichte) je nach Standpunkt sehr unterschiedlich gefärbt sind. Ich benutze für diesen Beitrag Aufzeichnungen meiner Mutter Gerda Zerries und des Lokalchronisten Walter Münstermann in Auszügen.

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Lesetipp: Bergbau in Rodenberg

Es war das Jahr 1923, das Jahr der Hyperinflation. Kostete in Frühjahr ein Ei noch 200 Mark waren es Ende d. J. bereits 320 Mrd. Mark.
Die Inflation war eine Folge des verlorenen ersten Weltkriegs. Der kostete nicht nur sehr viele Menschenleben, sondern auch Unmengen an Geld. Geld was die Reichsregierung nicht hatte – aber man hoffte, den Krieg zu gewinnen und dann sollten die Verlierer die Zeche bezahlen.

Es kam bekanntlich anders und um seinen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen, brachte die Regierung mehr und mehr Geld in Umlauf, auch wenn es für die immer höhere Anzahl Banknoten keine materiellen Gegenwerte im Land gab. Dadurch begann der Teufelskreis der Inflation, die im Jahre 1923 ihren Höhepunkt erreichte.

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Bürgerbrief = Bürgerrechte. Zur Geschichte der Bürgerbriefe in Rodenberg.

Bürgerbrief von 1919 für den Bergmann W. Gewecke, Grove Nr, 100, heute Masch 2

Kürzlich erreichte mich dir Frage, ob ich etwas zu den Rodenberger Bürgerbriefen wüsste. Ein Signal für mich, die mehrmonatige Sommer- und Beitragspause zu beenden …

In einzelnen Rodenberger Familien ist er noch vorhanden: Ein Bürgerbrief der Vorfahren, verliehen vom „Magistrat“ (Rat der Stadt) und unterschrieben vom jeweils amtierenden Bürgermeister.

Der Bürgerbrief war ein Dokument, welches in der Zeit zwischen dem Mittelalter bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts von vielen europäischen Städten und Kommunen auf Antrag erteilt wurde. Zugewanderten Bewohnern sollte die Möglichkeit zum Erwerb der vollen bürgerlichen Rechte zu gewährt werden.

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Wie alt ist das Haus?

Mit dem Alter ist das so eine Sache: Der/die Eine feiert zum dritten mal den 39. Geburtstag und der kleine Junge an der Supermarktkasse behauptet, schon längst 18 Jahre alt zu sein. Um das wirkliche Alter bei den Menschen festzustellen genügt ein Blick in den Personalausweis.

Nicht so bei Häusern. Sind sie jüngeren Baujahres – so um die 50 – 70 Jahre alt, lässt sich das an vielleicht noch vorhandenen Dokumenten festmachen. Ist das Haus über einhundert – oder gar 200 Jahre alt wird es schwer. Da helfen dann nur historische Unterlagen wie alte Ortspläne, Hausnummernlisten oder Chroniken.

Anlass für diesen Artikel ist ein immer mal wieder zum Verkauf stehendes Haus „Suntalstraße 2“, das Eckhaus zw. Suntalstraße und Bahnhofstraße. Als Baujahr wird auf der Verkaufsplattform das Jahr „1914“ angegeben.

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Die Vorortgemeinde Mühlenstraße

Die Apotheke war eines der hübschesten Häuser am Ende der Vorderstraße; jenseits derselben lagen die großen Gemeindeländereien, mit der echt alt­deutschen Reduplikation, deren meine Heimatge­nossen sich wohl nicht mehr bewusst waren, „Gart­garten“ genannt, und zwischen beiden bildete die hier breiter fließende Aue die Grenze zwischen Stadt und Dorf. (Julius Rodenberg: Aus der Kindheit).

Die Apotheke, anschl. der Stadtgraben und das heutige Sparkassengebäude, damals noch ein Rest vom ehemaligen, über die Straße gebauten Rathauses.

Da hat uns J. Rodenberg ja wieder einige Rätsel mit auf den Weg gegeben …
Das von ihm als „eines der hübschesten Häuser am Ende der Vorderstraße“ bezeichnete Apo­theke ist natürlich das neoklassizistische Gebäude der heutigen und gerade umgebauten Apotheke.
Der Gartgarten, heute Standort der 1907 gebauten Julius-Rodenberg-Schule, war damals ein im Domänenbesitz befindliches Gartengelände. Die heutige Straße dort, „Im Jagdgarten“, mag ihren Namen in sprachlicher An­lehnung an den ehemaligen „Gartgarten“ (Haupt- oder zentraler Garten) bekom­men haben.
Der Begriff „altdeutsche Reduplikation“ (Verdoppe­lung) beschreibt die regelmäßige Anordnung der damaligen Kleingärten.

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Gesehen in Rodenberg …

„Rodenberg am Deister – Klein Venedig“, eine Ansichtskarte aus der Zeit um 1910-1920. Doch etwas stimmt mit „Klein Venedig“ nicht. Die Ansichtskarte zeigt den Kirchdamm spiegelverkehrt, da offenbar das Negativ/die damalige Glasplatte falsch herum eingelegt war.
Das gleiche Negativ von 1918 (man beachte die (identischen) Kinder auf beiden Karten), diesmal richtig herum eingelegt und handkoloriert.
Beide Postkarten hat Fr. Oppermann, Rodenberg a. Deister hergestellt…

Die Rodenberger „Volkschule“ i. d. Baugewerkszeitung von 1912

„Wie die Großstädte, so sind auch die kleinen und kleinsten Städte jetzt bestrebt, dass Aussehen ihrer Schulen äußerlich würdig zu gestalten, um sie nach dem Maße ihrer Bedeutung von anderen Bauten abzuheben“

So beginnt der Aufmacher-Artikel der Baugewerks-Zeitung vom 13. Jan. 1912.

„Das kleine Städtchen Rodenberg an der Aue, mit 2000 Einwohnern, im Kreise Rinteln (…) hat ein solches Schulhaus erhalten, welches der Stadt Rodenberg gewiss zur Zierde gereicht (…). Die zwar einfachen, aber geschmackvollen Ziergiebelformen sind geeignet, dem Schulhause ein recht freundliches, aber auch zugleich würdiges Aussehen zu geben.“

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Abriss, Ampel und eine Ansage …

Vor zweieinhalb Jahren berichtete ich schon einmal an anderer Stelle zum Thema: Das ehemals selbstständige Dorf Grove verändert sein Gesicht. Zwei der damals erwähnten Gebäude sind schon abgerissen. Im Windschatten der „gefühlten“ Dauerbaustelle Grover Straße ist nun auch der „Hof Sieg“ dran.

Heute ist die Adresse die Grover Str. 45. In der alten Hausnummernliste ist das Grundstück als „Grove Nr. 30“ aufgeführt. Damit wissen wir, dass der Hof schon seit min. 1732 existiert, denn zu dem Zeitpunkt erhielten die damals bebauten Grundstücke erstmals (die alten) Hausnummern.

Als Besitzer sind die Familien Biesterfeld, Schuhmacher und als letztes die Fam. Sieg bekannt. Walter Sieg, gebürtig aus Schlesien, ist nach dem Krieg in Rodenberg hängen geblieben und heiratete die Tochter des damaligen Besitzers, Herma Schumacher. In den sechziger Jahren bewirtschaftete Walter Sieg noch einen landwirtschaftlichen Betrieb. Nicht immer reichte das für ein auskömmliches Einkommen, weshalb Walter Sieg schon 1950 ein Bestattungsunternehmen gründete. Dies hat mehrere Nachfolger gehabt und ist noch heute führend in Rodenberg. Abriss, Ampel und eine Ansage … weiterlesen